13.08.2015 09:36

Rotwild im Rätikon

Kategorie: Verband, Wissenswertes
Ein Fünfjahresprojekt, in dem die Raumnutzung und die Aktivität der Rotwildpopulation im Dreiländereck Vorarlberg, Fürstentum Liechtenstein und Kanton Graubünden untersucht wurde, lieferte wertvolle Erkenntnisse.

© fotolia.com

Unter der wissenschaftlichen Leitung des Forschungsinstituts für Wildtierkunde  und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien (FIWI) starteten die  Vorarlberger Jägerschaft (Bezirksgruppe Bludenz), das Amt für Umwelt Fürstentum Liechtenstein und das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden im Jahr 2009 ein großangelegtes Gemeinschaftsprojekt.

Das Projekt

Im Zeitraum von fünf Jahren wurde die Raumnutzung und die Aktivität der Rotwildpopulation in der alpinen Region Rätikon dokumentiert und analysiert.  67 Rothirsche - 38 weibliche und 29 männliche Tiere - wurden mit GPS-GMS-Halsbandsendern versehen, die neben der Aktivität der Tiere auch ihre  Umgebungstemperatur und durchschnittlich acht Mal täglich den Standort der Tiere aufgezeichneten.

So konnten über GPS insgesamt 229.848 Standorte der Tiere registriert werden. Zusätzlich wurden bei 42 Tieren durch Verschlucken speziell vom FIWI entwickelte Pansensender eingebracht. Diese gaben Rückschlüsse über die Physiologie, die Anpassungsfähigkeit der Tiere im  Jahresverlauf, den Einfluss von Beunruhigungen und Ruhegebieten sowie das unterschiedliche Verhalten im Winter mit und ohne Fütterung. Nicht zuletzt hat die professionelle Arbeit der Berufsjäger und der Wildhüter zum Gelingen des Projektes beigetragen.

Die Ausgangssituation

Das Besondere des Untersuchungsgebietes alpine Region Rätikon stellen die unterschiedlichen Jagdsysteme und das länderspezifische Wintermanagement  dar. „Die Rothirsche bewegen sich im Rätikon nicht nur zwischen drei verschiedenen Ländern und Jagdsystemen, sondern auch zwischen unterschiedlichen Jagdkulturen“, erklärt Friedrich Reimoser, Projektleiter der Studie und Univ.-Prof. i.R. am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien. „Entscheidend ist die ungleiche Besitzstruktur in den drei einzelnen Staaten.“

Zusätzlich ist das Gebirgsmassiv im Dreiländereck Österreich, Schweiz und Liechtenstein, das knapp über 3.000  Meter über dem Meeresspiegel liegt, von enormen jahreszeitlichen  Veränderungen der Lebensbedingungen geprägt. In Graubünden werden die Lizenz- und die Patentjagd betrieben. Die gesetzlich festgelegten Wildruhezonen mit absolutem Betretungsverbot werden von den Gemeinden ausgewiesen und gelten von Dezember bis April. In diesen Gebieten, die der Staatswald abdeckt, werden Verbissschäden in einem Ausmaß bis zu 25 Prozent toleriert. Die Jagdzeiten in Graubünden sind relativ kurz, das Jagdsystem vorbildlich: Durch eine professionell gelenkte Jagd lasse sich der Sollwert des Abschussplans innerhalb von drei Wochen im September beinahe zu 100 Prozent erfüllen, erklärt Reimoser. Der Vorteil bei dieser  Vorgehensweise: Durch die kurze Hochjagd ist das Wild weniger scheu. Die Nachjagd in den Spätherbst- und Wintereinstandsgebieten ist eine zusätzliche
Regulierungsmaßnahme, mit der die Graubündener Jäger ihren Abschussplan vollständig erfüllen. „Gerade in den grenznahen Gebieten braucht man die  Nachjagd unbedingt“, sagt Reimoser.

„Wichtig ist, dass sie nicht zu früh durchgeführt wird, sonst zieht das Rotwild  wieder weiter. Für die Bejagung sollten sich die Tiere bereits ungefähr eine  Woche im Wintereinstandsgebiet aufhalten.“ In Vorarlberg wird die Revierjagd  ausgeübt bzw. ist das Jagdrecht mit Grund und Boden verbunden. Charakteristisch für das Ländle sind neben der regelmäßigen Winterfütterung in den Kernzonen auch die wesentlich längeren Schusszeiten, die sich räumlich und zeitlich auf mehr als die Hälfte des Jahres verteilen. Dadurch nützt das Rotwild beinahe ausschließlich die Kernzone als ganzjährigen Lebensraum, was sich wiederum positiv auf die Waldentwicklung bzw. -verjüngung auswirkt und Objektschutzwälder und Siedlungsgebiete in den Rotwild-Randzonen entlastet.

In Vorarlberg sind auch Wildruhezonen ausgewiesen, worauf das Rotwild auch dementsprechend positiv reagiert. Allerdings basieren diese Ruhezonen auf  Freiwilligkeit und sind daher nicht so effizient wie jene gesetzlich festgelegten in Graubünden. In Liechtenstein ist das Revierjagdsystem nicht mit Grund und Boden verbunden. Das Rotwild profitiert von der Fönlage im Rheintal, hält sich in hoher Dichte verstärkt im Wald auf und ist dadurch auch schwer zu regulieren. Vor zehn Jahren wurde in Liechtenstein die Rotwildfütterung  aufgelassen; lediglich ein Notfütterungskonzept wurde eingeführt. Bezüglich der Fütterung von Rotwild nimmt Liechtenstein heute einen Platz zwischen Vorarlberg und Graubünden ein. Durch die Auflassung der Rotwildfütterung in Liechtenstein überwinterte hier deutlich weniger Rotwild. Trotzdem ist Liechtenstein in Bezug auf die Bewirtschaftung des Rotwildes – mit Ausnahme jener direkt an die Grenze zu Vorarlberg anschließenden Jagdreviere – autark.

Bei den besenderten Tieren war eine hohe Standorttreue zu beobachten. Das entkräftet die weit verbreitete Annahme, die ständig einwandernden Hirsche würden die Regulierungsanstrengungen der heimischen Jäger erschweren.

Wanderungen

Die Ergebnisse der Studie haben gezeigt, dass ein Teil der Rotwildpopulation  von seinem Winterstreifgebiet in ein separates Sommerstreifgebiet zieht. Der Anteil des wandernden Rotwildes ist in den drei Projektländern unterschiedlich groß. Mit den Halsbandsendern konnten sowohl die Wanderrouten als auch die Zeiträume dokumentiert werden, in denen das Rotwild weiterzog. Auch die Einflüsse, die Witterung und Beruhigungsfaktoren auf die Wanderungen der Tiere in das Nachbarland hatten, konnten aufgezeichnet werden.

Zu beobachten war, dass ein großer Teil der Rotwildpopulation – je nach Besenderungsgebiet - ins Nachbarland zieht. So ziehen z. B. Tiere von Graubünden im Frühjahr nach Vorarlberg und im Herbst wieder zurück. Auch standorttreue Populationen zogen zu einem unterschiedlich großen Anteil teilweise über die Landesgrenze hinaus, wie es zwischen Liechtenstein und Vorarlberg der Fall war.

Wildruhezonen

Sehr aufschlussreich waren auch die Ergebnisse über die Bedeutung der Wildruhezonen. Die Tiere in Graubünden und Liechtenstein, die im Winter nicht
gefüttert werden und die sich in Wildruhezonen aufhielten, wiesen im Winter die niedrigste Körpertemperatur auf und bewegten sich genauso wenig wie das in Vorarlberg überwinternde Wild. Die Erkenntnis: Je weniger die Tiere gestört werden, umso stärker reduzieren die Tiere ihren Stoffwechsel und umso geringer ist ihr Nahrungsbedarf, was sich wiederum im Rückgang von Wildschäden bemerkbar macht. Laut FIWI-Studienbericht wagt offenbar nur ungestörtes Wild die maximale Reduktion seines Stoffwechsels, was auch eine Einschränkung der Fluchtfähigkeit zur Folge hat: Die geringe innere  Wärmeproduktion im Winter führt zu sehr tiefen Temperaturen in den Extremitäten – und mit klammen Beinen läuft es sich schlecht.

Ausgedehnte Alpflächen in der Rotwildkernzone in Vorarlberg oberhalb der Waldgrenze ermöglichen dem Rotwild eine hohe Aktivität während des Tages, und zwar ohne jagdliche oder andere menschliche Störung, was sich in der Reduzierung von Verbissschäden bemerkbar macht. Zum Vergleich halten sich Rothirsche in Liechtenstein häufig in Gebieten auf, die eine vergleichsweise geringe Lebensraumkapazität haben. Die Tiere verlassen die Wälder oft erst beim Eindunkeln. Intensiviert man in diesen Gebieten die Jagd, werden die Tiere noch scheuer, die bereits eingeschränkte Bejagung wird noch schwieriger
und die negativen Auswirkungen auf die Waldverjüngung nehmen zu. Das Projekt hat gezeigt, dass mit dem Angebot von Wildruhezonen die Grenzwanderung der Tiere gedrosselt und der Standwildanteil erhöht werden konnte.

Die Studie

Die Studie dient als Grundlage für eine Optimierung des Rotwildmanagements im Untersuchungsgebiet mit einer effizienten Abstimmung der Managementmaßnahmen zwischen Vorarlberg, Liechtenstein und Graubünden. Ausgangslage war die Frage nach der Verteilung des Rotwildes über die drei Staaten im Laufe des Jahres sowie die Aufteilung der Managementaufgaben für die einzelnen Länder. Durch die Studie sind nun Grundlagen für ein verbessertes Rotwildmanagement im Rätikon vorhanden. „Die Ergebnisse lassen klar erkennen, dass beim Rotwild zwar starke Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwischen den drei Ländern bestehen, die eine gute räumliche und zeitliche Abstimmung von konkreten Maßnahmen erfordern“, zieht Reimoser Bilanz, „aber es zeigt sich auch, dass jedes Land selbst vieles in eigener Hand hat und Probleme nicht nur vom Nachbarland abhängen.“

Aufschlussreich war für Reimoser auch, wie geschickt das Rotwild bei der Bejagung den Jägern ausweicht und dadurch eine effiziente Wildstandsregulierung verhindern kann. „Hier sind die Jäger gefordert, stets flexibel mit neuen Strategien zu reagieren, um wieder einen Schritt voraus und dadurch erfolgreich zu sein“, argumentiert
Reimoser.

Medieninhaber und Herausgeber: Wiener Landesjagdverband Anschrift: Stadioncenter Olympiaplatz 2, 4.OG. Top 4/7 A-1020 Wien
, Tel.: +43(0)1-548 49 99 Fax: +43(0)1-548 49 99